2tes PAAR-Gespräch

 

Einblicke und Aussichten mit Marion & Bernhard Hötzel

ZENgarten

2. „Social Distancing“ aus der Sicht der Bewusstseinsarbeit

 

Distanz und Nähe ist für viele Mitmenschen im Augenblick etwas sehr Schwieriges. Das Gefühl der räumlichen, wie auch der sozialen Distanz, wird vielleicht zum ersten Mal ganz deutlich und auch schmerzhaft, wahrgenommen. Dieser körperlich, wie auch seelisch empfundene Schmerz ist durchaus etwas Natürliches, das wir allerdings tiefer erforschen müssen, sobald wir an Wachstum von Bewusstsein interessiert sind.

 

Was bedeutet nun räumlich und soziale Distanz, mal erst für mich persönlich? In meinem Alltag, im Umgang mit mir und anderen. Gesellschaftlich zeigt sich für mich, die persönliche Distanz, am deutlichsten im Singledasein und im Beruflichen über einen perfiden Perfektionismus und Abstand durch Konkurrenz.  Doch wie erlebe ich das aus der Sicht des Bewusstseins?

 

 

Und doch ist es  ein ganz ein natürlicher Prozess. Wenn wir neuen Menschen begegnen, zeigen wir am liebsten zunächst den Teil von uns, mit dem wir am häufigsten die Erfahrung gesammelt haben, angenommen und gemocht werden zu sein. So zeigen sich die Teilnehmenden ihre Masken, wenn sie sich am ersten Wochenende eines Jahrestrainings in unserem Gruppenraum begegnen. Wir beobachten, wie die Masken nach und nach fallen, wer mit dieser Demaskierung beginnt und wer sich, vielleicht aus Unsicherheit, noch ein wenig mehr Zeit damit lässt.

Die Distanz zu den anderen wird durch die freiwillige Demaskierung abgebaut, wir werden anwesender und zeigen mehr von dem, was wir im Geheimen mit uns herum tragen.  So wird allmählich sichtbar, wer wir wirklich sind und dass jeweils Einzigartige und  Individuelle kann sich entfalten. 

 

 

Das, was wir in diesen Tagen hören, wenn erwachsene Menschen darüber berichten, welche Sehnsucht sie nach Kontakt haben, ist nur die Spitze des Eisberges. Hier wird viel verwechselt.  Klar, der Mensch ist ein Herdentier und doch ist er ist auch ein Einzelwesen. Und das heute mehr denn je. Jeder stellt sich als besonders und unverzichtbar dar und wird nicht müde das jeden Moment zu untermauern. Die Fotolawine der Selbstporträts, die perfekt in Szene gesetzten Selbstdarstellungen in Facebook, Instagram usw. und die ständige Notwendigkeit mit Irgendwem in Kontakt zu sein, sind traurige Zeichen, einer inneren Trennung von sich selbst. Plötzlich werden kurzfristig empfundene Verzichte, schon existenziell und sie werden als unbedingt erfüllbar vehement untermauert. Welch ein Wahnsinn! Denn im Augenblick ist ja noch alles da. 

 

 

Bei der Nähe, die im Jahrestraining im Gruppenraum erfahrbar wird, verzichten die Teilnehmenden auf einen großen Teil ihrer Bedeutsamkeit zugunsten der Gruppe, die sie gemeinsam bilden. Durch die abgelegte Maskierung finden sie dann als Einzelwesen den Eingang in das „Gruppenwesen“ und erfahren diese Zugehörigkeit als erfüllend und verbindend ohne das sie etwas Besonders sein oder leisten müssen.                                   

 

Und so erfahren wir etwas Neues, denn im Alltag verschwenden wir kostbarste Zeit mit Selbstoptimierung und im Jammern darüber, das Biergärten, Kneipen, Bars und Fitnessstudios nicht geöffnet haben! Doch was geschieht denn da? Ich habe dort noch nie Nähe erfahren! Also das was wir vermissen zu scheinen, ist wohl eher ein scheinheiliges Erschleichen von Aufmerksamkeit und die Mittel, die wir dazu einsetzten, sind unzählig und durchdringen unsere Gesellschaft.  Nur weil es alle machen und sich niemand fragt, ob und warum das ist, ist es nicht auch per se als  normal anzusehen.   Natürlich gibt es Entwicklungsphasen und Lebensbedingungen,  in denen es auch anders sein kann und was dann völlig normal und stimmig wirkt. Normal bei Kindern, die eine ungeteilte Aufmerksamkeit benötigen um zu gedeihen, normal auch im Umgang mit alten Menschen, die allmählich an Bewusstheit verlieren und selbstverständlich normal bei Kranken und Sterbenden, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit benötigen. 

Doch gerade in diesen Bereichen sind wir schlecht aufgestellt, entziehen hier unsere Aufmerksamkeit, empfinden sie als lästig und zu teuer! Eine wohlwollende und wertschätzende Nähe wäre förderlich und aus einer feinen wachen Distanz würde eine  Handlung entstehen, die für alle nur das Beste will.

 

 

So ist der durch die aktuelle Distanz empfundene Mangel also bestens dazu geeignet, ehrlich auf das zu schauen, wonach wir tatsächlich suchen. Die Oberflächlichkeit, der Antworten die wir in unserem normalen gesellschaftlichen Leben bei dieser Suche akzeptieren, sollte uns nachdenklich stimmen, lassen sie uns doch in der Regel hungrig zurück und machen uns auf keinen Fall satt oder zufrieden. Der jetzige Abstand zu unseren Mitmenschen birgt in sich die Möglichkeit eine gesunde und erfüllende Nähe zu uns selbst aufzubauen. Die unabdingbare Voraussetzung dafür ist, die innere Distanz zum Anderen zu überwinden.

 
 
 

AUSSICHTEN

 

Das empfinde ich auch so, denn in einem gesunden und bewusstem Erwachsenen ist der Platz von Distanz und Nähe sehr ausgeprägt. Nähe entsteht immer aus der Distanz und wird ohne Distanz nicht erfahrbar. Hier stellet sich dann die nächste interessante Frage. Was und wie muss Nähe sein?

 

 

Und so sind es im Moment gerade die Wochenenden und die bevorstehenden Feiertage die uns, bedingt durch die vorgegeben Abstandsempfehlung, eine große Möglichkeit schenken die Distanz zu den anderen, eventuell auch schmerzhaft, zu empfinden. Jetzt die Aufmerksamkeit auf die inneren Prozesse aufrecht erhalten, nicht in den vordergründigen Wunsch nach Nähe abzugleiten, birgt die Möglichkeit uns ehrlich und in unserer Realität kennen zu lernen. Es geht vielleicht darum zu erkennen,  dass wir alle allein sind und dass das kein Drama ist, sondern eine gute Möglichkeit mit sich selbst und anderen, eine seelisch satt machende Verbindung einzugehen, allein und gemeinsam,  wach und bewusst zu sein.
 

 

Wir wünschen Euch / Ihnen weiterhin ein gutes LEBEN und freuen uns auf die kommenden Gedanken…

Marion & Bernhard Hötzel

 

                       

 

 

Eintrag publiziert unter Achtsamkeit, Bewusstsein, MBSR Achtsamkeitstraining, Meditation, Nelles Institut and , , , , , , , , , .
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